Eine fiktive Antwort von Farschad Keranian für INN.Sehr geehrter Präsident der Islamischen Republik Iran,
zunächst einmal bedanke ich mich für Ihre Mühe, mir einen Brief zu schreiben.
Obwohl ich weiss, dass Sie nicht die Nummer eins, aber auch nicht die Nummer zwei im Staate sind, und somit der Brief nicht von Ihnen stammen kann, antworte Ich Ihnen trotzdem, da sicherlich die genannten Mächtigen auf eine Antwort gespannt sein dürften.
Sie behaupten Liberalismus und Demokratie seien gescheitert. Ich bin ein demokratisch gewählter Präsident des Landes und habe meine Pflichten und Rechte. Verglichen mit Ihnen, bin ich keiner, der durch verschiedene Filtermechanismen erst zur Kandidatur zugelassen wurde. In meinem Land darf sich jeder zur Wahl stellen, der nicht kriminell ist. In Ihrem Land aber werden nur die zur Kandidatur zugelassen, welche die unzumutbaren Zustände bedingt durch das theokratische System nicht anpacken können. Ihr Vorgänger, Präsident Khatami, sagte er sei "der dritte Mann im Staate" und habe keine Macht seine Versprechen in die Tat umzusetzen. Wäre dieser Konflikt auch in einem demokratischen System möglich?
Ist der Zustand der Islamischen Republik nach 27 Jahren Regentschaft derartig optimal, dass man dieses Modell je in einem anderen Land umsetzen könnte? Ihr Land ist in einigen Punkten, zugegebener Maßen, dem Rest der Welt überlegen: Es hat den größten Brain Drain in die Länder mit Demokratie und Liberalismus. Die höchste Drogenabhängigkeitsquote ist Ihrem Land zuzuschreiben. Ihr Land rangiert bei der Korruption höher als manch ein Bürgerkriegsland. Ihr Land hat neben China, die meisten inhaftierten Journalisten. Und nicht nur die, sondern auch die meisten verhafteten Intellektuellen dieser Welt.
Bitte halten Sie mir nicht die staatlich organisierten Demonstrationen als Beweis für den Zuspruch des Volkes zum System vor. Denn die Teilnehmer sind in den meisten Fällen nicht freiwillig dort, sondern um des Überlebenswillens in Ihrem Staat. Als Beweis würden ich und die Welt ein Referendum über das theokratische System betrachten.
In keinem Land dieser Welt werden so viele Ressourcen zur Einschüchterung des Volks angewendet wie im Iran. Ihr Land hat einen Apparat von Milizen und Milizionären, deren Aufgabe die Einhaltung der rigiden und menschlich zu verachtenden gesellschaftlichen Regeln ist, welche wiederum von nicht gewählten Vertretern aufgestellt werden. So darf sich niemand so kleiden wie er es möchte, auch darf niemand das lesen und anschauen, wozu er gerade Lust hat. All die Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens im Iran sind doch nur einem Zweck dienend: Der Machterhaltung, und zwar um jeden Preis. So sollen die Menschen keine Zeit mit anderen Gedanken verbringen, als mit dem alltäglichen Kampf um Freiräume und der Flucht aus der staatlich erschaffenen „Hölle“. Ist denn nun der Liberalismus gescheitert, oder das theokratische Modell der Islamischen Republik?
Sie sagen, Lügen seien in jeder Kultur verabscheuungswürdig. Ist es nicht so, dass die Fundamente ihrer Republik auf Lügen basieren? Hat denn der Ayatollah Khomeini den Menschen keinen sozialen Wohlstand versprochen? Hatte er ihnen nicht die freie Presse und Meinungsäußerung versprochen, als er noch im Exil lebte bzw. kurz nach seiner Ankunft in Teheran? Ist es nicht so, dass gerade diese Reden mit den kritischen Inhalten von Khomeini im heutigen Iran verboten sind? Die Gründe für das Verbot sind jedem einleuchtend, der den Zustand des heutigen Irans kennt.
Ich habe mir sagen lassen, dass im prä-islamischen Iran Lügen eine Sünde gewesen sei, obgleich welcher Bewegungsgrund dahinter stecken sollte. Ist es nun nicht so, dass die Islamische Republik gerade diesen Teil der Geschichte des Landes auszulöschen versucht, auch durch Lügen? War es nicht der prä-islamische Iran unter Kyros´ Herrschaft, der als erster die Menschenrechte aufstellte? Die Deklaration des Kyros zu Babylon von 539 v. Chr. wird als die erste Charta der Menschenrechte betrachtet; sie wurde sogar durch die Vereinten Nationen in allen offiziellen UNO-Sprachen veröffentlicht. Was ist noch von diesen Menschenrechten übrig geblieben im heutigen Iran, wenn nicht einmal einfache Arbeiter gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen protestieren dürfen, ohne die Sicherheit der eigenen Familie in Gefahr zu sehen?
Herr Ahmadinejad, sind Sie wirklich ein Diener Ihres Volkes? Wenn ja, dann Zeigen Sie erste Schritte, die den Iran in die Weltgemeinschaft eingliedern und den Iranern ein Leben mit Würde ermöglichen. Danach können wir uns immer noch darüber unterhalten, ob Ihr Staatssystem tragbar ist oder die Demokratie.
George Walker Bush
- 43rd President of the United States of America -
Von Farschad Keranian für Iran-Now NetworkMöchten auch Sie Herrn Ahmadinejad antworten? Würden Sie gerne auf die Inhalte des Briefes von Mahmoud Ahmadinejad an George W. Bush eingehen? Dann schreiben Sie einfach Ihre Antwort nieder und schicken Sie diese an
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(sa)