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Berlin 23:27 - Tehran 00:57 - Los Angeles 14:27 Freitag, 21.11.2008
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KOMMENTAR AN SPIEGEL-ONLINE
Über die Gefangennahme der britischen Soldaten in Arvandrud (Shat Al Arab)
Anmerkung der INN-Redaktion: Diesen Brief schrieb ein INN-User namens "Kimiagar" der Spiegel-Online Redaktion. Er spricht die Probleme des Iran-Konflikts aus einer Perspektive an, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.




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Die britischen Soldaten vor ihrer Freilassung (Foto: AP)
Sehr geehrte Damen und Herren,

das Regime in Teheran hält seit einigen Tagen 15 britische Matrosen und Soldaten fest. Mich haben die heftigen Reaktionen der Europäer verwundert.

Abgesehen davon, ob die Briten wirklich ins Hoheitsgebiet Irans eingedrungen sind oder nicht, verurteilen alle demokratisch denkende Iraner/Innen die Vorführung der Gefangenen. Die Grenzen in dieser schwierigen Region sind allerdings durch den Vertrag von 1975 geklärt. Dafür musste man eine unabhängige Instanz für die Aufklärung beauftragen.

Die iranische Opposition im Exil berichtet seit Jahren darüber, dass Journalisten, Studenten und Aktivisten der Frauenbewegung systematisch drangsaliert und unter ausgedachten und abenteuerlichen Anschuldigungen ohne Recht auf Verteidigung gefangen genommen werden. Man steckt sogar die Anwälte, die sich trauen, die Verteidigung solcher „schwierigen“ Fälle zu übernehmen, ins Gefängnis. Vielen der Andersdenkenden wird nahegelegt, sich als Gegenleistung zum baldigen Freikommen in einer inszenierten TV-Show zu ihrer „Schuld“ zu bekennen und sogar - um das ganze abzurunden - ihre Beziehung zu ausländischen Mächten zuzugeben. Den Meisten bleibt keine andere Wahl, als auf diesen Deal einzugehen. Deshalb ist uns Iranern diese Art der „TV-Beichte“ mit Regieführung des Geheimdienstes nicht fremd.

Was mich als interessierter Beobachter jedoch sehr verwundert, ist die heftige Reaktion der Europäischen Union diesbezüglich. Warum reagiert die europäische Union nicht unisono auf die täglichen Menschenrechtsverletzungen im Iran? Menschenrecht ist ein Universalrecht und kein westlicher Privileg. Wer kann uns das glaubhaft erklären? Ist das nicht die berühmte Doppelmoral? Den britischen Gefangenen geht es blendend. Sie wurden weder gefoltert, noch beleidigt, noch gedemütigt. Man weiß, dass sie irgendwann mal heil wieder raus kommen. Diese Hoffnung haben viele meine jedoch Landsleute nicht.

Ich möchte an dieser Stelle die Diskussion weiter ausbauen, um klar zu stellen, dass ich als ein säkularer Demokrat, der an die Werte, die das Leben in diesem Lande bestimmen, glaubt und sie auch auslebt, ein Problem damit habe, wenn Iran gleich gesetzt wird mit Islamismus, mit Ahmadinetschad und mit dem Regime der Mullahs. Sogar die Bush-Administration hat dies rechtzeitig begriffen und handelt auch danach. Diese Erkenntnis hat sich scheinbar noch nicht in Old Europe durchgesetzt. Meine Wenigkeit und viele, die wie ich denken, sind mit jeder Zelle unseres Körpers gegen dieses Regime, tolerieren aber gleichzeitig eine Verletzung der territorialen Souveränität Irans nicht - ganz unabhängig davon, wer gerade über Iran herrscht. Denn etwas, das dieses alte Volk gelernt hat, ist die Tatsache, dass Dynastien, Despoten, Mullahs, und Regierungen kommen und gehen - der Iran aber bleibt! Diese Tatsache erlebt die iranische Seele seit mehr als 2500 Jahren.

Wenn ein Journalisten Kollege in seiner Berichterstattung „versehentlich“ statt "Persischer Golf" den imaginären Begriff „Arabischer Golf“ verwendet und gleich mit Protest-Emails der Iraner überschüttet wird, dann aus dem Bedürfnis heraus, eine Identität zu schützen, die auf 7000 Jahre Zivilisation zurückblickt - ganz unabhängig davon, durch wen das Land momentan regiert wird.

Das Bekennen zum Iran und seiner Vergangenheit, mit all seinen Höhen und Tiefen, der Verteidigung der territorialen Souveränität, das Bekämpfen der separatistischen Bewegungen werden auch unabhängig von den Mullahs existieren und sind als Indiz der Sympathie mit Mullahs nicht brauchbar.

Ich sehe jedoch den geschilderten, roten Faden quer durch alle Medien und bedauere zutiefst, dass es so wenig Wissen über eine der erfolgreichsten Minderheiten dieser Gesellschaft herrscht. Es wird wenig über den unermüdlichen täglichen Kampf der Lehrer, Arbeiter, Studenten und Frauenaktivisten berichtet. Dafür wird nach billigem Muster ein Held und ein Antiheld aufgebaut. Mindestens genausowenig, wie man über die Leute innerhalb Irans weiß, weiß man über die Opposition und deren Mitglieder, die zum Teil seit Jahrzehnten hier leben und sich politisch engagieren.

Diskutieren Sie darüber in unserem FORUM
Die deutsche Politik ist bis jetzt so gut wie gar nicht auf die iranische Opposition zugegangen. Man kennt bloß die Volksmujaheddin, die weder bei der Opposition selbst, noch beim Volk Akzeptanz genießen. Die Politik lässt das Potential der Opposition ungenutzt, womit man eventuell Einfluss auf das Geschehen im Iran nehmen könnte. Auch bei den Medien sieht man immer wieder dieselben bekannten Gesichter, die seit Jahren Lobbyarbeit für ihre Grüppchen leisten und die Ratsuchenden noch mehr verwirren, dabei nähern sich die Oppositionsgruppen im Ausland einander seit Jahren, wo man an einem allumfassenden Konzept arbeitet, um die Anstrengungen zur Errichtung einer zivilen Gesellschaft und eines Rechtsstaats im Iran, wovon übrigens alle, auch Europäer profitieren werden, zu bündeln.

Was wir, die für Rechtstaatlichkeit und Menschrechte im Iran kämpfen, unseren Freunden in Europa klar zu machen versuchen ist, dass das Regime, das die rückständigsten und dunkelsten religiösen Kräfte repräsentiert, nicht gleich zu setzen ist mit dem iranischen Volk, das laut Umfragen "amerikafreundlichstes Volk im nahen Osten" ist und den Errungenschaften des Westen am offensten gegenüber steht.

Gleichzeitig hat Iran berechtigte Ansprüche, als Großmacht in dieser Region respektiert zu werden. Das Problem Irans ist nicht die Atombombe, sondern die tägliche Diskriminierung von Frauen, Einschränkung der individuellen Freiheiten, das Nicht-Vorhandensein von Pressefreiheit und einer Verfassung, die erst den Weg zu all diesen Missständen ebnet. Eine vorhandene Rechtstaatlichkeit und eine kritische Presse hätten es nie dazu kommen lassen, dass bestimmte Kräfte seit Jahren an einem geheimen Projekt wie die Nuklearenergie arbeiten. Eine starke Opposition hätte es zu verhindern gewusst.

Statt Milliarden in abenteuerlichen Militäraktionen zu investieren, die das Vertrauen der Iraner und das vieler, anderer Völker in der Region für Jahrzehnte vernichten, sollte der Westen beim Aufbau einer tragende Opposition mithelfen, die Iran frei von Ideologien und Dogmen, wieder in die Weltgemeinschaft zurück bringen wird.


Kimiagar

__________________________________________________________
©Iran-Now Network
(pi)
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Veröffentlicht:
Freitag, 06.04.2007 , 10:46 Uhr
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